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Abstract _ Verena Brehm

Komplexe Morphologien in der Architektur der Gegenwart
Morphogenese | Physiognomie | Ästhetik

Komplexität ist ein Schlüsselthema in der gegenwärtigen Forschungslandschaft - auch in der Architektur. Hier gibt es verschiedene Forschungsansätze, von denen die meisten konstruktiv-technisch basiert sind. Dabei geht es beispielsweise um digital gestützte Entwurfsprozesse oder um Konstruktionsweisen und Materialien, die die Realisierung nicht einfacher Formationen ermöglichen. Die vorliegende Arbeit ergänzt dieses Forschungsfeld aus der Perspektive der Architekturtheorie: Das Thema der Arbeit sind komplexe Baukörper- und Raumformationen, die in der Architektur der Gegenwart zunehmend präsent sind. Grund dafür sind die Möglichkeiten digitaler Entwurfs- und Herstellungsprozesse ebenso wie die Bedingungen zunehmend komplexer Aufgabenstellungen sowie zeitgenössische Entwurfs- und Gestaltungsvorstellungen der Architekten. Unklar ist, was komplexe Formationen überhaupt sind und mit welchen Intentionen sie entworfen und gebaut werden: Eine Differenzierung zwischen komplex – kompliziert – metamorph – frei geformt findet im gegenwärtigen Diskurs nicht statt. Die Konzeptionen und Herangehensweisen des Entwerfens und Gestaltens sind bisher wenig untersucht und präzise dargelegt worden.

Das Ziel der Arbeit ist es, eine inhaltliche und begriffliche Systematik für das Forschungsthema zu erarbeiten, Entwurfskonzepte und Entwurfsmethoden zugänglich und anwendbar zu machen, komplexe Bau- und Raumkörper hinsichtlich ihrer Gestalt präzise beschreiben, hinsichtlich ihrer Ästhetik charakterisieren und hinsichtlich ihres zeitgenössischen, baukulturellen Mehrwerts bewerten zu können.

Es werden insbesondere zeitgenössische, aber auch Positionen und Fallbeispiele seit Beginn des 20. Jahrhunderts analysiert. Durch die Konzeptualisierung von Schlüsselbegriffen aus der Wissenschaftstheorie und über den Vergleich architekturtheoretischer Interpretationen von Komplexität wird zunächst das Komplexitätsverständnis, das die Forschung dieser Arbeit leitet, definiert. Über die Zusammenfassung von kognitionswissenschaftlichen und architekturästhetischen Grundlagen zur Wahrnehmung von Form und zur Bewegung und Orientierung im Raum werden ein Bezugsrahmen sowie relevante Analysekriterien für die Fallstudien herausgearbeitet. Im Hauptteil der Arbeit wird anhand von Fallstudien das Entwerfen komplexer Morphologie im Hinblick auf leitende Konzepte und Themen, (neue) Vorbilder sowie morphogenetische Prinzipien des Formens und Fügens untersucht. Der Einfluss von Entwurfsmedien und -werkzeugen auf die Gestaltwerdung wird dabei mit betrachtet. Die Physiognomie der realisierten Architekturen wird in Bezug auf geometrische Elemente und Morpheme sowie Kompositionsmittel analysiert, um charakteristische Gestaltmerkmale komplexer Baukörper- und Raumformationen herauszuarbeiten und zu benennen. Dies kann zum einen die Abgrenzung zu freien, metamorphen und komplizierten Formen erleichtern. Zum anderen vereinfacht die präzise Analyse eine phänomenologisch-hermeneutische Interpretation und somit das Erkennen von ästhetischen Qualitäten: Es werden Wahrnehmungsphänomene und Wirkungsweisen skizziert, die mit räumlicher Komplexität in Zusammenhang stehen. Dabei geht es beispielsweise um Optionen der Orientierung und Bewegung, das Empfinden und Erleben komplexer Formen und Räume oder ihr suggestives und assoziatives Potential zur Aneignung und Interpretation.

Als komplex werden in dieser Dissertation Formationen verstanden, die durch eine Vielgestaltigkeit, Vielteiligkeit und eine hohe Relationalität charakterisiert sind; dabei sind sie geometrisch beschreibbar, durch eine kompositorische Logik geprägt und erscheinen als kohärentes, sinnhaftes Ganzes. Die Gleichzeitigkeit von Vielfalt und Ordnung kennzeichnet die Erscheinung der komplexen Gestalt. Maßstäblich beschränkt sich die Forschung auf Baukörper und Innenräume in Abgrenzung zu städtebaulichen Konfigurationen, Konstruktionen oder Fassaden. Das begründet sich durch die Intention, Situationen zu analysieren, die aus der menschlichen Perspektive überschaubar sind und durch die Bewegung des Körpers im Raum erlebt werden.
Die Betrachtung schließt architektonische Positionen und Projekte des 20. Jahrhunderts ein, wie Arbeiten von Frank Lloyd Wright, Louis Kahn, Jørn Utzon, Oscar Niemeyer und Herman Hertzberger. Den Forschungsschwerpunkt bilden Studien zu gegenwärtigen, bisher weniger erforschten Positionen von Nieto Sobejano Architects, der Bjarke Ingels Group und UN Studio. Die Beschreibung und Analyse der vorangegangenen Entwicklungen dient dazu, kontinuierliche Ideen, Entwurfs- und Gestaltungsweisen komplexer Morphologie in der Architektur herauszuarbeiten und damit auch Bezüge der aktuellen Theorie und Praxis auf frühere Tendenzen darzustellen.

Betrachtet werden Positionen, die in der Bearbeitung einer bestimmten Fragestellung, gezielt eine neue oder erneuerte architektonische Lösung generieren wollen: Dies können neue Raumkonzepte oder morphologische ‚Prototypen‘ sein oder auch Innovationen hinsichtlich programmatischer Kombinationen oder Bezüge der räumlich-körperlichen Gestalt zu kontextuellen Merkmalen. Auf diese Weise wird die komplexe morphologische Gestaltung auch hinsichtlich ihrer Relationen zu weiteren Entwurfsthemen, wie der Kontextualisierung, Nutzung oder Choreografie, analysiert. Die Angemessenheit der Gestaltung in Bezug auf projektspezifische Kontexte wird ebenfalls reflektiert - in Annäherung an die Fragestellung, inwiefern Komplexität sinnvoll in architektonische Gestalt übersetzt werden kann.

Die Arbeit bildet einen Beitrag zur architekturtheoretischen Erforschung komplexer Morphologie. Es wird eine inhaltliche und begriffliche Systematik erarbeitet, die in der Forschung, Lehre und Praxis der Architektur genutzt werden kann: Der Komplexitätsbegriff wird in Bezug auf Baukörper- und Raumformationen geschärft und eine konzeptionelle Definition komplexer Morphologie formuliert. So wird ein Diskurs mit einem präzisen Vokabular ermöglicht. Die Analyse der individuellen Entwurfshaltungen der genannten Positionen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart bildet einen Beitrag zu der individuellen (oder normativen) Entwurfstheorie mit dem Fokus auf Strategien der Genese komplexer Formationen. Entwurfliches und gestalterisches Wissen wird explizit und damit zugänglich und transferfähig gemacht. Die Erkenntnisse können eine Sensibilisierung für komplexe räumliche Gestaltung bewirken, Entwurfs- und Gestaltungskompetenzen stärken und das Verständnis der Wahrnehmungs- und Wirkungsweisen räumlicher Komplexität erweitern. So könnte ein reflexiver Umgang mit räumlicher Komplexität zu verbesserten Architekturen führen, beispielweise im Hinblick auf den Einsatz für geeignete Bauaufgaben oder hinsichtlich eines dem Kontext angemessenen Komplexitätsgrades der Gestaltung. Durch den Vergleich der Positionen der Gegenwart mit denen des 20. Jahrhunderts werden zum einen Kontinuitäten der Entwicklung skizziert. Zum anderen werden zeitgenössische Besonderheiten deutlich, die auf die Relevanz der Auseinandersetzung mit komplexer Morphologie für gesamtgesellschaftliche Fragestellung an die Architektur verweisen.

 

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