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Abstract _ Wiebke Dursthoff

Kibbutz und Bauhaus.
Arieh Sharon und die Moderne in Palästina

Während der 1920er Jahre und 1930er Jahren entstand in Palästina eine große Zahl an Bauprojekten, die im Stil der modernen Architektur ausgeführt wurden. In Europa ausgebildete Architekten konnten im britischen Mandatsgebiet die Architektursprache, von der sie in Europa Kenntnisse erlangt hatten und in der sie ausgebildet worden waren, fortsetzen. Für die Menschen jüdischen Glaubens, insbesondere in Palästina, bedeutete die moderne Architektur eine Befreiung von der Vergangenheit, ein Loslösen von Ausgrenzung und Antisemitismus, aber auch ein Demonstrieren ihrer westlich geprägten, europäischen Verwurzelung bzw. ihrer Identität. Folglich sahen viele jüdische Befürworter dieser Stilrichtung ihre Zukunft in der Moderne.

1919 eröffnete das Bauhaus in Deutschland als Reform-Hochschule seinen Lehrbetrieb mit dem wohlbekannten Grundsatz, dass 'das Endziel aller bildnerischen Tätigkeiten der Bau' sei. Einige Pioniere, die nach Palästina immigriert waren, unter ihnen Arieh Sharon (1900-1984), begaben sich an das mittlerweile von Weimar nach Dessau umgesiedelte Bauhaus, um sich dort ausbilden zu lassen. Ihr erklärtes Ziel war es, ihr dort erlentes Wissen später in Palästina anzuwenden und das Land 'aufzubauen und sich selber zu erbauen', wie es damals in einem Lied der Pioniere hieß. Diese in Deutschland Ausgebildeten transferierten mit ihrer Rückkehr nach Palästina die Grundzüge des Neuen Bauens.

Der Architekt Arieh Sharon ist aufgrund seines enormen Lebenswerkes in besonderem Maße als exemplarischer Vertreter der Generation zu sehen, die in Palästina als Pionier in einem Kibbutz wirkten, nach Deutschland an das Bauhaus gingen, um sich ausbilden zu lassen und später nach Palästina zurückkehrten.

Am Bauhaus wurde Sharon inspiriert durch die Lehre bei Walter Gropius, aber vor allem Hannes Meyer. Nach Beendigung seines Studiums am Bauhaus arbeitete er noch eine Zeit lang im Berliner Architekturbüro Hannes Meyers, zum damaligen Zeitpunkt Direktor des Bauhauses, und ging darauf nach Palästina zurück, wo Sharon sich in Tel Aviv niederließ. Er entwarf und realisierte in Palästina u.a. Gebäude für den Wohnungsbau sowie Gesamtanlagen für die Kibbutzbewegung. Seinen Bauten ist abzulesen, dass er den neuen Stil verinnerlicht und ihn gewissermaßen mit nach Palästina genommen hatte.

Die Moderne bietet als Stilrichtung ausreichend Potenzial im Hinblick auf eine nähere Betrachtung. Doch sind die kulturellen internationalen Spannweiten der 'Klassischen Moderne' trotz zahlreicher Forschungen in vielen Aspekten wenig untersucht geblieben. Zu diesen offenen Forschungsfeldern zählt die Adaption des Neuen Bauens nach Palästina bis in die Kibbutzim hinein. Dasselbe gilt insbesondere für den in Israel bekannten Architekten Arieh Sharon, dessen Schaffen und WIrken heute leider nur unvollkommen untersucht und gewürdigt worden ist.


Wiebke Dursthoff, Kibbutz und Bauhaus. Arieh Sharon und die Moderne in Palästina, Berlin: Edition Critic 2016

 

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