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Profane Transformationen von Kirchenbauten seit der Reformation

Der Umgang mit leerstehenden Kirchen hat eine intensive Debatte ausgelöst. Die Zahl der nicht mehr benötigten Kirchenbauten nimmt kontinuierlich zu und zwingt sowohl die Kirchenverantwortlichen wie auch Architekten, Denkmalpfleger und Bauhistoriker zum Nachdenken und Handeln.

Mag diese Entwicklung auf den ersten Blick als ein Phänomen unserer säkularen Gegenwart erscheinen, so handelt es sich tatsächlich um ein sehr altes. Profane Kirchenumnutzungen sind in Europa seit dem 16. Jahrhundert in großer Zahl vorgekommen. Es gab mehrere Säkularisierungswellen, angefangen von den Klosteraufhebungen während der Reformation über die verschiedenen Säkularisationen seit der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts (Josephinische Reformen, Französische Revolution, Reichsdeputationshauptschluss) bis hin zu den Verweltlichungsprozessen des 20. Jahrhunderts in totalitären aber auch demokratischen Gesellschaften.

Viele Kirchengebäude haben sich trotz ihrer spezifischen Funktion als erstaunlich flexibel erwiesen und im Laufe der Jahrhunderte mitunter sogar mehrere Wandlungen erfahren. Etlichen Kirchen merkt man ihre profane Nutzungsgeschichte heutzutage allerdings kaum an. Denn die Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts hat dazu geführt, dass viele Kirchen wieder für religiöse Zwecke genutzt oder zumindest in ihrer räumlichen Erscheinung resakralisiert wurden.

Im Rahmen der Gebäudebiographie von Kirchen werden profane Nutzungsperioden häufig übersehen, mitunter auch marginalisiert, zumal Umbauten als Kornspeicher, Mauthalle oder Fabrik als schwer vereinbar mit der sakralen Zweckbestimmung gelten. Oftmals werden diese Transformationen als Phasen der Illegitimität oder des kulturellen Niedergangs bewertet. Eine solche Sicht wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. Zweifelsohne gab es viele Beispiele von Vandalismus und Zerstörungswut. Gleichzeitig gab es in den vergangenen fünf Jahrhunderten auch viele intelligente und pietätvolle Aneignungen leerstehender Kirchen, etwa als Bibliothek, Theater, Museum oder Wohnhaus. Namhafte Architekten wie Th. Fischer, C. W. Hase, G. L. F. Laves, K. F. Schinkel, A. Vagedes und F. Weinbrenner haben sich dabei hervorgetan.

Mit diesem Phänomen befasst sich das Projekt. Es fragt nach dem kreativen Potenzial profaner Umnutzungen und unternimmt den Versuch, die lange Geschichte profaner Kirchenumbauten nicht allein als Geschichte von Zerstörungen, sondern auch als einen Prozess kreativer Aneignung zu würdigen.