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Sarah Wehmeyer _ Abstract

Die Collage als Praktik forschenden Entwerfens

Die Kommunikation unserer Gesellschaft ist geprägt durch eine zunehmende mediale Bilderflut, welche starken Einfluss auf die Architekturproduktion ausübt. Wir nehmen Architektur vermehrt über das Bild wahr; wir konsumieren sie über das Bild. In dieser kontinuierlich wachsenden Bildrealität der digitalen Visualisierungen und idealisierten Architekturfotografien kommunizieren einige zeitgenössische Architekturbüros, wie die in Brüssel operierenden Office KGDVS oder Dogma, ihre Entwürfe mittels einer neu erscheinenden und doch wiederkehrenden Methode der Architekturdarstellung: der Collage. In der Produktion des Dreidimensionalen wird auf die zweite Dimension zurückgegriffen.

Als eine den bildenden Künsten entlehnte, spezifische Technik des Überlagerns und Klebens von realen Papier- und Materialfragmenten bezeichnen die Collagen in der gegenwärtigen Architekturdisziplin eine spezifische Form der Visualisierung, welche ihre räumliche Atmosphäre nicht mittels einer realitätsimitierenden Staffage und perspektivischen Tiefe, vielmehr durch die digital erzeugte, zweidimensionale Schichtung von unterschiedlichen, abstrakten Farb- und Materialflächen generiert. Über die visuelle, darstellerische Prägnanz dieser Collagen hinaus ist ins Besondere zu beachten, dass die genannten Architekturbüros in ihrem individuellen Experimentieren und Interagieren mit dem digitalen Collagieren, Ansätze eines verstärkt künstlerischen und zugleich forschenden Zugangs zur Entwurfsgenese aufzeigen. Die geplante Dissertation setzt an diesem Punkt an und thematisiert die in der Architekturdisziplin bisher primär als Präsentationsmedium erfasste Collage nun als gegenwärtige und zukunftsrelevante Entwurfs- und Forschungspraktik architektonischer Gestaltungsprozesse. Als übergeordnetes Ziel gilt es aufzuzeigen, welche Potentiale als zweidimensionale Bildproduktion sowie Bildrezeption die Collage offeriert, um sowohl räumliche Qualitäten zu konzipieren und zu erforschen als auch die individuelle Entwurfshaltung sowie das persönliche Architekturverständnis zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Weitergehend hinterfragt die Arbeit, ob und in welcher Weise die Collage als eine reflexive Annäherung an kreative Prozesse implizit und/oder explizit die Wissensgenese und in besonderer Weise die Genese entwurfsspezifischen Wissens unterstützt.

AUFBAU + METHODIK

Übergreifend situiert in einer phänomenologisch, hermeneutischen Forschungstradition, ist die Arbeit in unterschiedlichen methodischen Schritten aufgebaut. Im ersten Teil, dem Forschungshintergrund, wird über Literaturanalysen ein tiefergehendes Verständnis für das Begriffspaar des `Forschenden Entwerfens´ in entwurfsbasierten Disziplinen wie der Architektur entwickelt. Die Arbeit knüpft hierbei an gegenwärtige entwurfswissenschaftliche Diskurse an, welche versuchen, neue impulsgebende Aspekte der Genese und Interpretation von Entwerfen und Forschen in der Architektur aufzuspüren. Architekturspezifische Entwurfsinstrumente und ihre forschenden Potentiale in gestalterischen Prozessen werden als eine mögliche Form dieser spannenden Wechselbeziehung fokussiert. Der weitere Forschungshintergrund definiert spezifische Eigenschaften der Collagen-Technik, ausgehend von der Betrachtung unterschiedlicher Erscheinungsformen der Collage in den bildenden Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts. Hierauf aufbauend werden die formalen und ideellen Übersetzungen der Collage in die Entwurfsgenese und Architekturpräsentation des 20. Jahrhunderts, wie sie bereits in den Arbeiten von Mies van der Rohe oder Superstudio sowie in den Entwurfskonzeptionen der Collage City zu Teilen erforscht wurden, betrachtet.

Der zweite Teil der Dissertation ist als Case-Study-Untersuchung dreier gegenwärtig praktizierender Architekturbüros, dem Office KGDVS, dem Architekturkollektiv Dogma sowie einer weiteren, noch zu definierenden Architekturgruppe, aufgebaut. Die ausgewählten Fallstudien nutzen die Collage zum einen als wiederkehrendes, prägnantes Visualisierungsinstrument. Zum anderen generieren sie über die spezifische Bildsprache der Collagen eine übergeordnete formale Systematik, welche den einzelnen Projektentwurf aus seinem spezifischen Kontext löst und in einem größeren Zusammenhang, dem grundlegenden Architekturverständnis und der Entwurfssprache der jeweiligen Büros, verankert. Obwohl ihre Projekte auf unterschiedlichsten Maßstabsebenen agieren und von einer programmatischen und kontextuellen Vielschichtigkeit geprägt sind, nutzen die Büros die Collage somit ebenfalls als Instrument, um Entwurf sowie Entwurfshaltung forschend zu entwickeln, zu reflektieren und schließlich abzubilden und zu kommunizieren. In ihrem bisher entwickelten Werk agieren sie auf diese Weise auf der Schnittstelle zwischen Architektur und Kunst, zwischen konkreten Projekten und Visionen, zwischen Praxis und Theorie. Ergänzend zur Literaturrecherche und -analyse, soll in der teilnehmenden Beobachtung und phänomenologischen Beschreibung ergründet werden, in welchen Stadien des Entwurfsprozesses und mit welcher Perspektive die Collage von den Architekten als Darstellungsmedium und/oder Entwurfsinstrument genutzt wird. Des weiteren gilt es herauszufinden, ob und in Bezug zu welchen Themen die Collage als forschende Praktik dient.

FORSCHUNGSPERSPEKTIVE

Die Forschungsperspektive der Promotion ist es heraus zu kristallisieren, welche praxisbezogenen Fähigkeiten und wissenschaftlichen Kapazitäten die Collage als architekturspezifisches Entwurfsinstrument sowie als eine spezifische Praktik der entwurfsbezogenen Architekturforschung generiert. Ziel ist es, die Collage als eine impulsgebende Relation von Entwerfen und Forschen in der Architektur zu untersuchen und mit den erarbeiteten Erkenntnissen neue Perspektiven für das Entwerfen, Forschen und Lehren mittels der Collage in der Architekturdisziplin zu eröffnen.

 

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